5-4-3-2-1: Wenn deine Gedanken gerade Salto mortale schlagen
Es gab eine Zeit in meinem Leben, in der ich ziemlich niedergeschlagen war – und gleichzeitig wirklich viel dafür tat, meine Situation zu verändern.
Ich probierte gefühlt jeden Tipp aus, der mir in der Business- und Persönlichkeitsentwicklungswelt begegnete. Manche davon waren hilfreich, andere weniger und manche waren, sagen wir einmal, ziemlich bescheuert.
Ich arbeitete mit Affirmationen, machte Dankbarkeitsübungen, erstellte Vision Boards und versuchte, meine Gedanken möglichst positiv auszurichten.
Irgendwann stellte sich allerdings ein ziemlich frustrierendes Gefühl ein:
Ich mache doch schon alles. Warum verändert sich trotzdem nichts?
Vielleicht kennst du das. Du möchtest unbedingt etwas verändern und beschäftigst dich permanent damit, wie das gelingen könnte. Du liest noch ein Buch, hörst noch einen Podcast, schaust dir ein Video an und probierst die nächste Methode.
Nur besser wird es trotzdem nicht.
Wenn positives Denken noch mehr Druck macht
In dieser Zeit erzählte mir eine Freundin, die selbst als Coach arbeitet, etwas, das für mich zu einem echten Aha-Moment wurde:
Veränderung kann ziemlich schwierig werden, wenn in uns gerade alles auf Alarm steht.
Plötzlich verstand ich eine meiner eigenen Erfahrungen besser.
Wenn ich innerlich völlig aufgewühlt war und mir gleichzeitig eine positive Affirmation vorsagte, die ich in diesem Moment überhaupt nicht glauben konnte, beruhigte mich das nicht.
Bei mir passierte teilweise das Gegenteil.
Ich bemerkte noch deutlicher die Lücke zwischen dem schönen Satz, den ich mir gerade sagte, und dem, was ich tatsächlich empfand.
Auch meine Vision Boards waren schöne Bilder – und ich mag sie bis heute. Aber wenn meine Gedanken gerade Salto mortale schlugen, löste der Blick darauf bei mir nicht automatisch Motivation aus.
Das bedeutet nicht, dass Affirmationen oder Vision Boards grundsätzlich nichts bringen. Für mich waren sie in solchen Momenten einfach nicht das Werkzeug, das ich brauchte.
Ein Impuls, für den ich bis heute dankbar bin
Auf diesen Zusammenhang und später auch auf die 5-4-3-2-1-Übung hat mich meine Freundin und Kollegin Andrea Schnyder aufmerksam gemacht. Ihre Arbeit rund um das Nervensystem schätze ich sehr.
→ Mehr über Andreas Arbeit erfahren
Warum Bekanntes manchmal so verlockend ist
Unser Nervensystem ist, sehr vereinfacht gesagt, ein Kommunikations- und Steuerungssystem unseres Körpers. Es verarbeitet fortlaufend Informationen aus unserem Körper und unserer Umgebung und ist daran beteiligt, wie wir auf das reagieren, was gerade geschieht.
Wenn wir uns bedroht oder stark belastet fühlen, kann unser System entsprechend auf Alarm reagieren.
Und das finde ich im Zusammenhang mit Veränderung besonders interessant.
Denn etwas Neues hat einen entscheidenden Nachteil:
Wir kennen es noch nicht.
Das Alte dagegen kann miserabel sein – aber es ist wenigstens bekannt und vorhersehbar.
Das kenne ich aus meinem eigenen Berufsleben sehr gut.
Ich war viele Jahre angestellt, saß stundenlang im Büro und erledigte immer wieder dieselben Dinge. Irgendwann wusste ich sehr genau, dass mir dieses Arbeitsleben nicht guttat.
Für mich fühlte es sich teilweise wie ein innerliches Sterben auf Raten an.
Und trotzdem blieb ich.
Die Situation machte mich nicht glücklich, aber ich kannte sie. Sie gab mir Sicherheit. Und irgendwann hatte ich auch nicht mehr besonders viel Zutrauen darin, dass ich überhaupt noch etwas verändern könnte.
Deshalb mag ich dafür eine ziemlich drastische Formulierung:
Manchmal erscheint uns der bekannte Scheiß sicherer als das unbekannte Glück.
Nicht, weil unser Nervensystem grundsätzlich Veränderung verhindern möchte. Aber Bekanntes ist vorhersehbar. Das Neue enthält dagegen immer auch ein Stück Ungewissheit.
Was also kannst du tun, wenn gerade alles in dir rotiert?
5-4-3-2-1: Zurück zu dem, was gerade wirklich da ist
Meine Freundin zeigte mir dafür eine erstaunlich einfache Übung.
Ich nenne sie schlicht die 5-4-3-2-1-Übung.
Inzwischen habe ich sie selbst in Situationen eingesetzt, in denen meine Gedanken völlig durcheinandergeraten waren.
Ich erinnere mich zum Beispiel daran, wie ich auf dem Fahrrad auf dem Weg zu einem Termin war. Während ich fuhr, überschlugen sich meine Gedanken.
Also begann ich mit der Übung.
5 Dinge, die du siehst
Schau dich um und benenne fünf Dinge, die du gerade sehen kannst.
Vielleicht einen Baum, ein Fenster, deine Schuhe, eine Wolke und ein Straßenschild.
4 Dinge, die du hörst
Was kannst du gerade hören?
Vielleicht ein Auto in der Ferne, einen Vogel, Stimmen oder das Summen deines Computers.
3 Dinge, die du spürst
Nimm drei körperliche Empfindungen wahr.
Deine Füße in den Schuhen. Die Lehne in deinem Rücken. Den Wind auf deiner Haut.
2 Dinge, die du riechst
Vielleicht Kaffee, Waschmittel, eine Pflanze, frische Luft oder das Essen aus der Küche.
1 Sache, die du schmeckst
Dafür musst du nichts essen. Nimm einfach wahr, ob du gerade einen Geschmack in deinem Mund bemerkst.
Und wenn du bei einem der Schritte nichts findest?
Dann ist das vollkommen in Ordnung.
Das hier ist kein Test, den du bestehen musst.
Das Problem ist danach vielleicht noch da – aber du bist wieder da
Genau das war für mich beim ersten bewussten Ausprobieren das Verblüffende.
Innerhalb kürzester Zeit war meine Aufmerksamkeit wieder viel stärker in der Gegenwart.
Mein Problem hatte sich dadurch natürlich nicht in Luft aufgelöst. Die Situation war nicht plötzlich geklärt.
Aber ich war innerlich ruhiger.
Und deshalb mag ich diese Übung so.
Sie ist für mich keine Lösung für sämtliche Probleme und auch kein Ersatz dafür, eine schwierige Situation tatsächlich zu verändern.
Sie ist eine Akutmaßnahme.
Für Momente, in denen draußen vielleicht alles wackelt und in deinem Kopf die Gedanken Purzelbäume schlagen.
Du musst dann nicht sofort dein gesamtes Leben lösen.
Vielleicht brauchst du erst einmal nur:
5 Dinge, die du siehst.
4 Dinge, die du hörst.
3 Dinge, die du spürst.
2 Dinge, die du riechst.
1 Sache, die du schmeckst.
Vielleicht beginnt Veränderung also nicht immer mit dem nächsten großen Ziel.
Nicht mit der nächsten Affirmation.
Und auch nicht mit dem nächsten wunderschönen Vision Board.
Manchmal beginnt sie sehr viel unspektakulärer: damit, wieder wahrzunehmen, wo du gerade bist.
Du kannst die 5-4-3-2-1-Übung übrigens auch ausprobieren, wenn gerade nicht alles eskaliert. Schau dich kurz um.
Welche fünf Dinge siehst du?
🎧 Lieber hören als lesen?
Die passende Folge des Klarheitskompass findest du auch auf Spotify.